Ecotrail Oslo 2026
von Marcus Kohfeld
By og vann
Mein Trailrunning-Höhepunkt für dieses Frühjahr verschlägt mich diesmal in den hohen Norden. Der Ecotrail Oslo ist die größte Trailveranstaltung in Norwegen mit 5000 Teilnehmern auf 6 Strecken. Eine Großveranstaltung, die die Urbanität einer Großstadt mit spektakulärer Natur ökologisch verbindet. Ich laufe die längste Strecke: 80 Kilometer mit 2000 Höhenmetern.
Die Ecotrail-Serie startete vor rund 20 Jahren in Paris mit einer sehr ungewöhnlichen Idee. Der einsetzende Trailrunningboom fand immer mehr Anhänger und immer mehr Veranstaltungen sprossen aus dem Boden. Es gab nur ein Problem: Die Rennen fanden oft weit abseits in den Bergen statt. Für viele waren die langen Anfahrten logistisch oder finanziell nicht zu bewältigen. Der erste Ecotrail sollte anders sein: gut erreichbar, für jedermann und gleichzeitig ökologisch. Bevor das Thema Nachhaltigkeit medial stark präsent war, hatte der Ecotrail genau das für sich auf die Fahnen geschrieben. Müll wurde konsequent vermieden, im Gegenteil es wurde sogar noch Müll während der Rennen gesammelt. Nicht zu unrecht sind sie stolz darauf, dass nach den ersten Rennen die Wege sauberer waren als zuvor.
Mittlerweile ist daraus eine weltweite Rennserie entstanden, deren Alleinstellungsmerkmal die Verknüpfung von Urbanität und Naturverbundenheit ist.
Der Start befindet sich im Nedre Foss Park mitten in Oslo. Zwei Flaggen markieren die Startlinie. Abgesehen von der Zeitmessung und einem LKW für den Gepäcktransport ist nichts vorhanden. Alles wirkt improvisiert. Ein Gefühl, das ich während des Rennens noch häufiger haben werde.
Das Wetter ist angenehm, weder kalt noch heiß. Regnen wird es den ganzen Tag nicht.
Die ersten Kilometer führen durch die nördlichen Stadtviertel von Oslo. Der Weg folgt dem Fluss Akerselva und ist meist breit und asphaltiert. Für den Start ist das sehr angenehm, denn es gibt kaum Engstellen, sodass es auch nicht zu Staus kommt. Außerdem gibt es dem Feld Zeit, sich auseinanderzuziehen. Der Lauf ist hier mehr ein Stadtlauf, Trailabschnitte gibt es erstmal nicht.
Nach sieben Kilometern erreichen wir den See Mariadalsvannet. Der Weg steigt zum ersten Mal merklich an, ist aber noch gut laufbar. Der Asphalt ist nun auf festen Schotter gewechselt. Ich genieße die Aussicht und mache ein paar Fotos, da werde ich von einem Norweger namens Joakim angesprochen. Ich lasse mir von ihm den mir schon bekannten Fakt über die Rolle des Sees für die Trinkwasserversorgung von Oslo erklären. Auch die nächsten paar Kilometer unterhalten wir uns nett übers Laufen und seine Heimatstadt Oslo.
Kurz vor der ersten Verpflegungsstelle trennen sich unsere Wege.
Fjell og innsjø
Diese erreichen wir nach 13 Kilometern, besser gesagt erreichen wir nur eine Getränkestelle. Angeboten werden lediglich Wasser und ein angerührter Isodrink. Ich greife zum Isogetränk, das ich auch bis zum Ende des Rennens immer wieder zu mir nehmen werde. Das Mischverhältnis variiert bei diesem Getränk von Verpflegungspunkt zu Verpflegungspunkt erstaunlich stark. Die ansonsten zur Grundversorgung gehörende Cola bekomme ich nicht zu Gesicht.
Insgesamt ist die Versorgungssituation schwierig. Die ohnehin nicht üppige Auswahl wird bei folgenden Posten zusätzlich reduziert, da einige Sachen bereits nicht mehr vorhanden sind. Wir 80er kommen als letztes an die Stationen, aber gerade wir benötigen am dringendsten die Verpflegung. Einem Rennen dieser Größenordnung darf sowas nicht passieren. Nachhaltigkeit hin, Nachhaltigkeit her. Diese ist bei einem weltweit vermarkteten Event ohnehin nicht mehr gegeben.
Nach dem Getränkeposten ändert sich die Strecke massiv. Vorbei sind die angenehm zu laufenden Wege. Ab hier beginnen die Trails dr Nordmarka. Auf felsigem Schotter geht es steil den ersten Berg Lyberga hinauf. Oben angekommen passieren wir den See Fagervann an dessen Ufer viele Camper ihre Zelte aufgeschlagen haben. Es bleibt technisch, die Felsen werden zwar weniger, dafür werden sie durch Baumwurzeln gesetzt. Der anspruchsvolle Downhill erfordert meine höchste Konzentration. Der Singeltrail ermöglicht kein Überholen und ich fühle mich getrieben von der größeren Läufergruppe, die mich umgibt. Am See Skjærsjøen entschließe ich mich für eine taktische Pinkel- und Fotopause. Endlich wieder allein fühle ich mich gleich viel wohler und ich kann in Ruhe den Singeltrail beenden, der auf einem breiten, ebenen Wanderweg mündet.
Ich bleibe nicht lange alleine. Ein Norweger schließt zu mir auf. Er erzählt mir, dass er nur zwei Kilometer entfernt wohnt und dass das hier seine Hausrunde sei. Normalerweise ist er mit seinem Hund unterwegs, aber das geht jetzt natürlich nicht. Da er die 80 Kilometer schon mehrfach gelaufen ist, ist das für mich die beste Gelegenheit, ihn über die weiteren Streckenabschnitte auszufragen. Nach dem harten Abschnitt zuvor ist dieser flache Abschnitt am See Sognsvann sehr erholsam.
Hoppbakke og langrennsløype
So toll diese Begegnungen auch immer sind, so sind sie selten von Dauer. Das Terrain wird wieder anspruchsvoller und so muss ich mich am Anstieg zum Vettakollen zurückfallen lassen. Einsam wird es trotzdem nicht, denn die Anzahl an Wanderern nimmt stetig zu. Zusammen mit einer bunten Mischung von Läufern und Wanderern kämpfe ich mich den steilen, felsigen Pfad hoch. Der mühsame Aufstieg wird mit der besten Aussicht des gesamten Rennens belohnt. Oslo und der Oslofjord liegen direkt vor mir und zur rechten blicke ich auf den Holmenkollen mit seiner ikonischen Skischanze. Gerne würde ich diese Aussicht noch länger genießen, doch ich muss weiter. Ein paar Fotos müssen aber sein. Auf den Bildern registriere ich dann am nächsten Tag, dass ich von hier einen Großteil der Strecke sehen kann, inklusive Start und Ziel.
An der Rückseite des Berges geht es wieder technisch anspruchsvoll auf einem Singletrail hinunter, der ebenfalls wieder auf einen breiten, ebenen Weg mündet. Eben bedeutet hier aber nur, dass keine Wurzeln und Felsen vorhanden sind. Steil ist es dennoch. Ich befinde mich nun auf den Loipen, auf denen die Weltcuprennen im Biathlon und im Skilanglauf ausgetragen werden. Diese Steigungen in Natura beeindruckt mich jedes Mal wieder, wenn ich sie sehe. Manche Eindrücke können nunmal nicht im Fernsehen wiedergegeben werden.
Auch ich muss die Steigungen zum Holmenkollen hinauf, dort wartet auch der nächste Verpflegungspunkt und der Start des 50-km-Rennens. Gleichzeitig ist es neben dem Ziel auch der einzige Punkt, an dem nennenswert Zuschauer stehen. Nicht ganz vier Stunden habe ich für die ersten 30 Kilometer benötigt. Eine Zeit, die ich befürchtet hatte, denn der 50er Start steht unmittelbar bevor und so werde ich an der Sprungschanze bereits von der Spitze des kürzeren Rennens überholt. Lange Zeit werde ich von da an immer wieder von den schnelleren 50K-Läufern überholt werden. Psychologisch wäre es besser, wenn ich etwas später am Holmenkollen angekommen wäre. Denn dann wäre ich von hinten in das 50K-Feld reingelaufen und ich wäre derjenige, der überholt. Es ist immer besser, der Jäger zu sein als der Gejagte.
Ich versuche mich nicht davon aus der Ruhe zu bringen, aber es nervt. Wie so oft kommt dann auch eines zum anderen, denn auch die Strecke in dem Skigebiet ist hier am langweiligsten. Überrascht bin ich nur von den immer noch vorhandenen Schneeresten, ansonsten gibt es nur Wald und glatte Wege, die zumindest gut laufbar sind. Immer noch werde ich ständig überholt. Nach Abschluss des ersten Marathons sollte das eigentlich nicht mehr so oft passieren. Auch wenn ich voll im Plan bin, nagt das an mir.
Landsby og skog
Es wird ländlicher. Dörfer und Felder waren bisher noch nicht auf der Karte. Auch wenn dieser Abschnitt sehr kurz ist, ist es doch eine willkommene Änderung. Routiniert fülle ich meine Flaschen in Sørkedalen mit dem Isogetränk auf. Cola gibt es auch hiernicht, dafür Kuchen. Ich nehme mir ein paar Stücke mit, endlich was anderes als süße Gels und salzige Nüsse. Hier nach 50 Kilometern merke ich so langsam, dass ich zu wenig Kalorien zu mir genommen habe. Das Isozeug wird ausreichend Mineralstoffe enthalten, Zucker und damit Kalorien ist wohl nur wenig enthalten. Ich merke, dass ich Hunger habe, ein schlechtes Zeichen.
Wie die Verpflegungspunkte improvisiert wirken, so ist auch die Streckenmarkierung mangelhaft. Die Markierungen folgen keinem festen Schema, es finden sich Kreidemarkierungen, kleine Fahnen und Schilder mit Pfeilen. Die Farbgebung ist zufällig und wechselt ständig, teilweise sind die Markierungen sehr weit auseinander und Abzweigungen sind schlecht markiert. Der GPX-Track auf meiner Uhr muss viel zu oft als mein Rettungsanker herhalten. Wo die Strecke Weltklasse ist, ist die Organisation nur Kreisklasse, andersrum wäre es schlimmer.
Die Strecke führt wieder in die Wälder und bleibt zunächst auf den Forstwegen gut laufbar. Irgendwann nimmt dann die Fels- und Wurzeldichte auf den Wegen wieder zu. Wir laufen wieder an Seen vorbei und schlängeln uns auf den schmalen Pfaden durch den Wald. Diese Abwechslung habe ich gebraucht. Ebene Wege sind schnell und man kann gut abschalten, gleichzeitig fordern sie aber nicht den Kopf. Stumpf vor sich hinlaufen geht für ne Weile ganz gut, besser ist aber seinen Kopf permanent zu fordern, indem man ständig seinen nächsten Schritt vorausplanen muss. Das hat natürlich seine Tücken, denn die Stolpergefahr und damit die Verletzungsgefahr nimmt zu. Es macht aber auch tausendmal mehr Spaß.
Elv og kløvt
Kurz nach dem nächsten Verpflegungspunkt höre ich ein “Guten Abend.” von hinten. Joakim, den ich seit unserer Begegnung vor 50 Kilometern nicht wieder gesehen habe, hat mich eingeholt. Im besten Touristen-Norwegisch erwidere ich: “God dag. Går det bra?”.
Es ist erstaunlich, wie so kleine Momente einen wieder aus nem Tief rausholen können. Die Trailrunner-Community ist unfassbar einladend und warmherzig. Abseits der Trails kommt es selten vor, dass ich mich wildfremden Menschen länger unterhalte, im Ultrarennen ist das die Regel.
Joakim erzählt mir, wie er drei Jahre lang einen deutschen Mitbewohner hatte. Von ihm hat er auch ein paar deutsche Sätze aufgegriffen. Ich wiederum erkläre ihm, dass ich versuche, für jedes Land, das ich besuche, ein paar Standardsätze zu lernen. Gemeinsam betreten wir die spektakuläre Schlucht am Fluss Lysakerelva. Der Fluss hat über Jahrhunderte seinen Verlauf in den Fels gefräst. Die vielen Stromschnellen und Wasserfällen bis zum Oslofjord sind absolute Highlights und sollte sich kein Oslobesucher entgehen lassen. Während es für den Fluss nur eine Richtung gibt, nämlich bergab, ist der Wanderweg, auf dem wir uns befinden, nochmal eine echte Herausforderung. Immer wieder führt der Weg ans Ufer hinunter, um sogleich wieder auf zehn Meter anzusteigen. Obwohl der Fluss mitten durch Oslo führt, hatte ich das Gefühl, mich weiter abseits in der Natur zu befinden.
Fjord og øy
Der Wasserfall Granfossen bildet den Abschluss dieses sehenswerten Abschnittes, von nun an wird es wieder urban und bis wir schließlich direkt an den Oslofjord gelangen. Die Enge der Schlucht wechselt in die Weite des offenen Meer. Es ist erstaunlich, wie oft sich bei diesem Lauf die Landschaft ändert.
Nach 70 Kilometern komme ich langsam an meine Grenzen. Durch die zu geringe Energieaufnahme werden meine Gehpausen stetig länger. Das gibt mir zwar die Möglichkeit, den Küstenweg länger zu genießen, aber so langsam darf das Rennen dann auch zu Ende gehen. Mir fällt es nun schwer, längere Strecken zu laufen, die Notwendigkeit besteht auch nicht. Vier Stunden bis zum Cut-off sind sehr viel Zeit für 10 Kilometer. Beim Bestumkilen Roklubb erreiche ich die letzte Getränkestation des Rennens. Nach über 70 Kilometern schönster Natur verläuft die Strecke nun für die nächsten zwei Kilometer an einer viel befahrenen Hauptstraße, ehe sie auf die Halbinsel Bygdøy abbiegt. Hier wird es zunächst überraschend ländlich. Entlang großer Wiesen im Inneren führt der Weg uns wieder an die Küste und am stark bewachten königlichen Anwesen Bygdø Kongsgård vorbei.
Noch 2 Kilometer. Ich laufe langsam auf eine Norwegerin auf und ziehe vorbei. Sie hängt sich ran, jetzt kann ich mich nicht wieder zurückfallen lassen. Während wir die äußerst wohlhabende Siedlung durchqueren, erreichen mich schon die ersten Glückwünsche aus der Heimat. Aber das ist noch zu früh, ein paar Meter habe ich noch. Die letzen zwei Kilometer laufe ich Seite an Seite mit Anne. Sie erzählt mir später, dass ich ihr Anker war, ansonsten wäre sie auf den letzten Metern häufiger gegangen. Das konnte ich nur zurückgeben, denn auch ich hätte mir wohl noch ein, zwei Gehpausen gegönnt.
Das Ziel befindet sich direkt am Strand von Huk. Glücklich laufe ich unter Applaus durch den Zielbogen am Meer. Die Freude, der Stolz und auch die Erleichterung ist riesengroß. Mit der schäbigsten Medaille aller Zeiten (Darf man ein bedrucktes Samentütchen am Band überhaupt Medaille nennen?) lasse ich mit den Beinen im Wasser das Rennen am Strand von Huk ausklingen.

| Daten: | |
|---|---|
| Name: | Ecotrail Oslo |
| Datum: | 30.05.2026 |
| Start: | Oslo |
| Ziel: | Oslo - Bygdøy |
| Distanz: | 81 km |
| Anstieg: | 1999 Hm |
| Zeit: | 11:17:06h |
| Platzierung: | 206 |
| Starter: | 328 |
| DNFs: | 31 |








